Garzweiler ist der Anfang, nicht das Ende

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Ende Gelände / Foto: 350.org

Gerade war das gelb-rote Zirkuszelt noch menschenleer, jetzt strömen aus allen Richtungen freundliche Gesichter herein. Alte Bekannte umarmen sich herzlich und rücken auf den Bänken mit neuen Besuchern zusammen. „Ist hier noch frei? Is this seat taken?“

Zum einwöchigen Klimacamp und Degrowth-Seminaren waren rund 1.500 Menschen aus 45 Ländern ins Rheinland gereist. Workshops wurden gehalten über Alternativen zum Wachstumszwang des Kapitalismus und über eine Zukunft ohne Kohle, Öl und Gas. Die meisten aber waren hier, um etwas ganz Außergewöhnliches zu tun: den Kohletagebau von RWE in einem Akt zivilen Ungehorsams zu blockieren. Viele Fossil-Free-Gruppen zum Beispiel aus London, Amsterdam, Münster, Aachen waren dabei – und auch wir, Fossil Free Berlin.

Dies ist keine Geschichte über Schlagstöcke und Pfefferspray
Wir wollen hier nicht über die Härte der Polizisten sprechen, die überzogen gegen Demonstranten und Journalisten vorgingen. Auch die Rücksichtslosigkeit von RWE, der als einer der klimaschädlichsten Energiekonzerne Europas gilt und die Luft als Müllhalde für seine vielen Millionen Tonnen CO2 missbraucht, soll nicht das zentrale Thema sein. Wichtig in dieser Geschichte ist vor allem eines – dass die Kohlebagger stillstanden.

Ziviler Ungehorsam ist nötig, weil wir die Zerstörung des Klimas nicht mehr hinnehmen können
Die Kohlebagger in Garzweiler standen an diesem Tag im August still, weil wir es gemeinsam so wollten. Wir lassen uns die Zerstörung des Klimas nicht länger bieten. Unsere Politiker versagen, das Problem für uns zu lösen, und die Konzerne verteidigen nur ihre schädlichen Geschäftspraktiken. Deshalb sind wir gezwungen, es selbst in die Hand zu nehmen. Konsens unter allen Beteiligten war es, auf gewaltfreie und friedliche Weise Regeln zu brechen. Dafür mussten wir Privatgelände ohne Erlaubnis betreten und eine Nacht im Gefängnis riskieren. Überraschend viele Teilnehmer und die meisten FFBler waren noch nie zuvor zivil ungehorsam gewesen und taten es doch zum ersten Mal. Wir führen normale, gesetzestreue Leben in Familien und WGs, studieren, haben Berufe und Hobbys. Und haben uns trotzdem getraut, weil nur Reden und Klicken irgendwann einfach nicht mehr hilft.

Riesige Bagger standen still, weil Menschen sich gegenseitig Mut machten
Über 1.000 Menschen in weißen Maleranzügen fanden in der staubigen Marslandschaft der Kohlegrube etwas, das magisch war. Wenn wir uns zusammenschließen – das sahen und fühlten wir – entsteht eine wundervolle Stärke. 12 in einem Kreis aus Freunden und Vertrauten. 200 in einer Finger-Gruppe. 1.000 in der Grube. Unzählbar viele Gleichgesinnte in der ganzen Welt schickten Botschaften der Solidarität und motivierten uns, immer weiter und tiefer in das Loch zu gehen. Vorbei an einschüchternden Polizeiketten, vorbeirasenden Werkschutz-Autos und ratternden Förderbändern näherten wir uns den Baggern.

Die Machtlosigkeit verschwindet
Wenn wir gemeinsam loslaufen – das spürten wir mit jedem Lied, jedem freundlichen Blick und Händedruck unserer Nachbarn – dann verschwindet das Gefühl der Verzweiflung, nichts ändern zu können. Wenn wir aufeinander aufpassen, dann werden unerreichbare Ziele plötzlich greifbar. So greifbar wie das verdreckte Metall des Kohlebaggers, auf den eine unserer Gruppen von Ende Gelände Stunden später schließlich kletterte. Dann gingen die Motoren des Monsters aus. Es war endlich still.

Dort das Rheinland. Hier Berlin. Wer entscheidet?
Im Rheinland baggert RWE ganze Landschaften und Dörfer ab und vertreibt Menschen aus ihren Häusern. Aus Profitgier und Ignoranz zerstört RWE das Leben von Menschen – und unser Klima. Die Grube in Garzweiler trägt den traurigen Titel der größten CO2-Quelle in Deutschland und ganz Europa.

Und in Berlin? Hier investiert die Stadtregierung Millionen in Aktien fossiler Brennstoffkonzerne wie Total, Vattenfall und RWE und feuert damit die Klimaschäden von heute und morgen an. Was mit den Gewinnen der Zerstörung passiert? Damit bezahlen sie die Renten ihrer Beamten, die diesen Zusammenhang wahrscheinlich nicht einmal ahnen.

Wer hat die Macht, noch mehr Menschen aus ihren Häusern zu vertreiben oder Dörfer vor den Baggern zu retten? Wer entscheidet darüber, ob Profitgier das Klima weiter krank machen darf oder eine CO2-Klimaabgabe eingeführt wird? Wer bestimmt, ob Milliarden-Subventionen für Kohle, Öl und Gas aus Steuergeldern fließen, oder Gesetze beschlossen werden, die das Schlimmste verhindern? Und sollten öffentliche Institutionen weiterhin an Geschäften mitverdienen, die auf Kosten des Klimas gehen?

Du kennst die Antwort. Bisher entschieden immer die anderen. Das ändert sich jetzt. Gemeinsam mit Dir und Abertausenden Menschen in Berlin und der ganzen Welt werden wir selbst die Veränderung. Wir ziehen alle zusammen einen Strich in den Kohlestaub und senden eine klare Botschaft:

Bis hierhin und nicht weiter. Ende Gelände.

Das ist erst der Anfang / Foto: 350.org

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Wir, Fossil Free Berlin, rufen Politiker und Senatoren Berlins dazu auf, alle Aktien der Unternehmen, die mit Kohle, Öl und Gas Geld verdienen, verkaufen. Divestment ist ein starkes Instrument, das weltweit funktioniert und zu dem sich bereits über 200 Kommunen, Universitäten, religiöse Gruppen, Rentenkassen und Stiftungen bekannt haben. Wenn Du uns unterstützen möchtest, zeichne bitte diese Petition: bit.ly/divestberlin. Herzlichen Dank!

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