FAQ zum Forschungsprojekt „Fiebrige Finanzen: Klima-Finanz-Ranking 2020“

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Wer hat das Forschungsprojekt und das Klima-Finanz-Ranking erstellt?

Das Projekt wurde von ‚Fossil Free Berlin‘ initiiert. ‚Fossil Free Berlin‘ ist eine 2015 gegründete, überparteiliche und nicht-kommerzielle Klimainitiative, deren Arbeit zu 100% von Ehrenamtlichen getragen wird. Fossil Free Berlin setzt sich für eine klimagerechte Zukunft ein, die ohne Kohle, Öl und Gas auskommt. Fokus ihrer Arbeit sind nachhaltige Finanzen und Divestment. Weitere Informationen: fossilfreeberlin.org. Die Anfragen an die Finanzministerien wurden unterstützt vom ‘Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung Berlin’. Mit der Klimawirkungsanalyse beauftragt wurde das Frankfurter Unternehmen ‚right. based on science‘. Mit der Finanz-Backtesting-Analyse beauftragt wurde die Non-Profit-Organisation ‚Facing Finance‘.

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Woher kommen die Informationen, wieviel Geld Bund und Länder in welche Finanzprodukte investieren?

Aus zwei Quellen: Öffentliche Antworten der Landesregierungen sowie Bundesregierung auf parlamentarische ‚Kleine Anfragen‘, sowie Eigenauskunft von Finanzministerien nach der Umfrage von Fossil Free Berlin im September/Oktober 2019 in Kooperation mit dem Berliner ‘Institut für ökologische Wirtschaftsforschung’.

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Wie wurden die Temperaturen der staatlichen Aktiendepots ermittelt?

Die Klimawirkungen als Temperaturen (im Forschungsprojekt “Fiebrige Finanzen” bzw. dem Klima-Finanz-Ranking “Erhitzungskurs” genannt) wurden durch Expert*innen der ‘right. based on science GmbH’ mit Hilfe des öffentlich einsehbaren X-Degree-Compatibility (XDC)-Modells  berechnet. Dieses Verfahren errechnet, wie stark sich die Erde bis 2050 erwärmen würde, wenn alle Unternehmen weltweit bis dahin so wirtschaften und die entsprechenden Mengen an Treibhausgasen produzieren würden wie das bewertete Unternehmen bzw. Aktiendepot. Dabei wird auch ein wissenschaftliches Klimamodell einbezogen, das u.a. vom Weltklimarat (IPCC) genutzt wird (FaIR Climate Model). Die so errechnete Temperatur (sog. “Baseline XDC”) wird dann mit einer “Ziel XDC” verglichen (im “Klima-Finanz-Ranking als “Sektor-Grenzwert” bezeichnet). Berücksichtigt  wird dabei, dass Emissions-Intensitäten jedes Wirtschaftssektors unterschiedlich sind. Hierin folgt das Modell dem 1,75-Grad-Szenario (B2DS) der Internationalen Energieagentur (IEA). Datengrundlage der XDC-Berechnung sind die Finanzdaten (Bruttowertschöpfung / Datenquelle: FactSet) und Daten zum direkten und indirekten Treibhausgas-Ausstoß der Kategorien Scope 1, 2 und 3 (Datenquelle: Urgentem) aus dem Basisjahr 2017.

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Wurden die zukünftigen Klimastrategien der Unternehmen bei der Berechnung der Temperaturen berücksichtigt?

Ein Teil der untersuchten Unternehmen haben inzwischen Klimastrategien angekündigt (und teilweise umgesetzt), um ihre Emissionen in Zukunft zu senken. Mit dem XDC Modell ist es möglich, diese Klimastrategien zu modellieren. Uneinheitliche Berichtsstandards erschweren jedoch die Vergleichbarkeit der Daten. Da dieses Forschungsprojekt über 1.700 Aktienunternehmen untersucht, konnten zukünftige Klimastrategien deshalb nicht berücksichtigt werden.

Der von der deutschen Bundesregierung eingesetzte “Beirat Sustainable Finance” empfiehlt in seinem Zwischenbericht 2020, entsprechende einheitliche Reporting-Standards für Unternehmen einzuführen, weil nur so Vergleichbarkeit herstellbar ist.

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Warum wurden nicht alle Bundesländer bewertet?

Laut Eigenauskunft haben sieben Bundesländer ihre Sondervermögen bzw. Pensionsrücklagen in Aktien investiert, weitere sieben Bundesländer tun dies nicht. Die Finanzministerien im Saarland und in Brandenburg reagierten nicht auf die Anfragen von Fossil Free Berlin und konnten deshalb nicht bewertet werden.

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Wie wurde die Wertentwicklung der Aktien des Bundes ermittelt?

Die Werte wurden mit offiziellen Börsendaten in einer sogenannten Backtesting-Analyse im Auftrag von Fossil Free Berlin durch die Non-Profit-Organisation “Facing Finance” ermittelt. Zum 31.12.2018 und darüber hinaus hatte der Bund – laut öffentlicher Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage aus dem April 2019 – in eine replizierte Variante des Index ‘Euro Stoxx 50’ investiert, in der Aktien von Airbus ausgeschlossen waren. Seit September 2019 sind zusätzlich auch Aktien von Engie, Enel und Iberdrola ausgeschlossen, weil sie Atomkraft-Geschäft betreiben. Die Verkaufserlöse dieser Atom-Aktien wurden in die verbleibenden 46 Unternehmen re-investiert. 

In der Backtesting-Analyse berechnete ‚Facing Finance‘ die Total Returns (also Börsenwert-Entwicklung unter Berücksichtigung wiederangelegter Dividenden und Ausschüttungen) des o.g. fossil-haltigen ‘Euro Stoxx 46’ (Index 1) mit einem hypothetischen fossil-freien ‘Euro Stoxx 41’ (Index 2) (der wie der ‘Euro Stoxx 46‘ aufgebaut ist, aber ohne Total, ENI, Vinci, Linde und BASF, die Fracking- und/oder Ölgeschäfte betreiben). Die Gewichtung der 46 bzw. 41 Unternehmen wurde von ‚Facing Finance‘ auf Basis ihrer monatlichen Marktkapitalisierung umgerechnet für die Zeiträume von 3 bzw. 5 Jahren ab dem 01.06.2015 bzw. 01.06.2017 bis zum 01.05.2020. Der fossil-freie Index 2 übertrifft den fossil-haltigen Index 1 im 3-Jahresvergleich um 0,25%. Index 2 übertrifft Index 1 auch im 5-Jahresvergleich um 0,09%. Die Ergebnisse verschieben sich zugunsten des Index 1, wenn als Backtesting-Enddatum statt 01.05.2020 der 01.01.2020 gesetzt ist (vor Corona-Lockdowns in Europa mit eventuellen Effekten auf Marktkapitalisierung); Index 1 übertrifft dabei Index 2 im 3-Jahresvergleich um 0,03%, im 5-Jahresvergleich um 0,27%.“

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Was ist der ‘Benexx’?

‘Benexx’ ist der Name des Nachhaltigkeits-Index, den die Senatsverwaltung für Finanzen des Bundeslandes Berlin nach einem Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses vom 23.06.2016 auf öffentlichen Druck u.a. von ‘Fossil Free Berlin’ erstellen ließ. Der offizielle Name des ‘Benexx’ lautet ‚Solactive Oekom ESG Fossil Free Eurozone 50‘. Er wurde am 06.04.2017 veröffentlicht, kurze Zeit später schichtete Berlin seine Versorgungsrücklagen zur Finanzierung der Pensionen der Beamten in Höhe von damals rund 823 Millionen Euro in den ‘Benexx’ vollständig um. Der ‘Benexx’ ist zu 100% fossilfrei, ausgeschlossen sind alle Unternehmen, die mit Kohle, Öl oder Gas sowie mit Atomkraft und Rüstung Geschäfte machen. Es gelten weitere ESG-Nachhaltigkeitskriterien, die vom Finanzdienstleister ‘ISS ESG’ regelmäßig überprüft werden. Berlin und Schleswig-Holstein waren zum Untersuchungszeitraum 31.12.2018 in den ‚Benexx‘ investiert.

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Welcher Zeitraum wird im Rahmen dieses Forschungsprojekts untersucht?

Alle Finanzministerien der Bundesländer und des Bundes wurden gebeten, ihre Daten zum Stand 01.01.2019 anzugeben. Einzelne Bundesländer stellten Daten zur Verfügung, die davon abweichend zum Stichtag 30. bzw. 31.12.2018 gelten. Sollten Aktienkurse zwischen diesen Stichtagen gefallen oder gestiegen sein, kann dies zu geringen Abweichungen bei der Berechnung der XDC-Werte bzw. des “Erhitzungskurses” führen.

Für die Kalkulation der Klimawirkungen wurden Daten aus dem Basisjahr 2017 verwendet (siehe auch Frage 3).

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Das Forschungsprojekt hat Daten bis zum 31.12.2018 ausgewertet. Gibt es seitdem Änderungen in der Anlagepolitik der öffentlichen Hand?

Ja. Fossil Free Berlin liegen z.B. die Information vor für Baden-Württemberg, Brandenburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen, die laut Aussage des Finanzministeriums von Baden-Württemberg vom Februar 2020 im Jahr 2019 gemeinsam neue Aktien-Optionen erstellen ließen, die Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen sollen. Die öffentlichen Ausschreibungsunterlagen der vier Bundesländer dokumentieren, dass dabei Hintertüren für die Investition in fossile Brennstoffe, insbesondere Erdgas, offen bleiben. Das vorliegende Klima-Finanz-Ranking berücksichtigt Investitionen zum Stand 31.12.2018. Finanzielle Umschichtungen, die danach durchgeführt wurden, sind nicht enthalten und können in einem zukünftigen Klima-Finanz-Ranking aktualisiert werden.

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Fossil Free Berlin fordert Divestment. Was bedeutet das?

Divestment ist das Gegenteil einer Investition. Dabei werden Gelder aus Unternehmen abgezogen oder Geschäftsanteile verkauft. Die Fossil-Free-Bewegung, die weltweit seit 2012 aktiv ist, versteht unter Divestment den bewussten Abzug von Investitionen aus Unternehmen, die mit Kohle, Öl, Fracking und Gas Geschäfte machen, den größten Anteil der weltweiten Treibhausgas-Emissionen erzeugen und damit die Erderwärmung und Folgen der Klimakrise verschlimmern.

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Gibt es Investoren und Institutionen, die schon heute ihre Investitionen aus Unternehmen mit Kohle-, Öl-, Fracking- und Gas-Geschäften abziehen?

Ja. Zum Stand 15.09.2020 haben weltweit 1.243 Institutionen, die gemeinsam Vermögen in Höhe von 14,38 Billionen US-Dollar verwalten, Divestment-Beschlüsse gefasst und ihre Investitionen teilweise oder ganz aus fossilen Brennstoffen abgezogen. In Deutschland sind über 30 Divestment-Beschlüsse von Institutionen bekannt, darunter der Versicherungskonzern Allianz, die Evangelischen Landeskirchen in Hessen-Nassau und Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, die Berliner Ärzteversorgung und das Presseversorgungswerk, die Städte Münster, Göttingen und Stuttgart, die Bundesländer Berlin, Schleswig-Holstein und Bremen. Quelle: https://gofossilfree.org/divestment/commitments/

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Fossil Free Berlin fordert, dass Finanzministerien “nur noch in 1,5-Grad-kompatible Firmen investieren”. Was heißt das?

Obligatorisch sollte sein, dass auch staatliche Investoren die Klimawirkung – also z.B. die Emissions- und Temperaturpfade ihrer Aktiendepots und anderer Finanzanlagen – für ihre bestehenden und geplanten Investitionen prüfen lassen. Investiert werden sollte nur in solche Unternehmen, die die verbindlich vereinbarten und vom Bundestag einstimmig beschlossenen Ziele des Pariser Klimaabkommens einer Erderwärmung von “unter 2 Grad Celsius” mit Ziel auf “1,5 Grad Celsius” bereits heute einhalten oder mit nachprüfbaren Maßnahmen und regelmäßig zu prüfenden Plänen ihren Treibhausgas-Ausstoß schnell genug senken.

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Fossil Free Berlin fordert, dass Finanzministerien “strenge ESG-Nachhaltigkeitskriterien anwenden”, um Klima- und Finanzrisiken zu senken. Was heißt das?

Nachhaltigkeitskriterien werden im internationalen Finanzmarkt, auf EU-Ebene und in Deutschland häufig in die Kategorien “Ökologie” (E = Ecologic), “Soziales” (S = Social) und “Transparenz der Unternehmensführung” (G = Governance) eingeordnet. Finanzmarkt-Studien wie z.B. von Amundi (Europas größter Anlageverwalter) und “Deutsche Asset Management“ (Tochter der Deutschen Bank) bestätigen, dass ESG-Kriterien mehrheitlich Risiken senken und finanzielle Wertentwicklung steigern:

http://research-center.amundi.com/page/Article/2019/01/The-Alpha-and-Beta-of-ESG-investing
https://www.db.com/newsroom_news/2016/ghp/esg-and-financial-performance-aggregated-evidence-from-more-than-200-empirical-studies-en-11363.htm

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Stehen Berechnungen für die Temperaturen bzw. “Erhitzungskurse” auch für einzelne Unternehmen, Wirtschaftssektoren oder Aktien-Indizes zur Verfügung?

Ja. right. based on science’ oder anderen spezialisierten Dienstleistern liegen diese Daten vor bzw. die Berechnungen können in Auftrag gegeben werden. Im Klima-Finanz-Ranking sind sie nicht ablesbar, weil dort pro Bundesland bzw. für den Bund jeweils die Gesamtheit aller Aktien-Anlagen auf Portfolio-Basis aggregiert wurde.

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Wie würde sich der Treibhausgas-Fußabdruck der staatlichen Aktiendepots verändern, wenn Bund und Länder ihre Aktien von Kohle-, Gas-, Fracking-, und Öl-Unternehmen verkauften?

Diese Fußabdrücke sind berechenbar durch spezialisierte Dienstleister, wurden im Rahmen dieses Forschungsprojekts jedoch nicht ermittelt. Fest steht: Würden Bund und Länder die Aktien von Unternehmen mit Kohle-, Gas-, Fracking- und Öl-Geschäft verkaufen und reinvestieren in die verbleibenden Unternehmen in ihren Aktienportfolios, würde der Treibhausgas-Fußabdruck substanziell sinken, weil solche Unternehmen in der Regel höhere Mengen an Treibhausgas-Emissionen produzieren als andere Wirtschaftssektoren.

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Wer sind die für die Anlagestrategie verantwortlichen Ansprechpartner*innen in Finanzministerien?

  • Bundesland Bayern > Bayerisches Staatsministerium der Finanzen und für Heimat / Referat 24, Beamtenversorgung, Reise- und Umzugskostenrecht, Disziplinarrecht, Wohnungsfürsorge / Odeonsplatz 4, München
  • Bundesland Baden-Württemberg > Pressestelle, Ministerium für Finanzen Baden-Württemberg / Neues Schloss, Schlossplatz 4, 70173 Stuttgart / +49 711 123-4577, pressestelle@fm.bwl.de, www.fm.baden-wuerttemberg.de 
  • Bundesland Berlin > Senatsverwaltung für Finanzen Berlin, Abteilung I, Vermögen und Beteiligungen, I F 2 / Dienstgebäude Klosterstraße 59, 10179 Berlin
  • Bundesland Brandenburg > Ministerium der Finanzen des Landes Brandenburg / Heinrich-Mann-Allee 107, 14473 Potsdam / 0331 866-6001, www.mdf.brandenburg.de 
  • Bundesland Hessen > Hessisches Ministerium der Finanzen Friedrich-Ebert-Allee 8, 65185 Wiesbaden, http://www.finanzen.hessen.de, Twitter: @FinanzenHessen
  • Bundesland Nordrhein-Westfalen > Ministerium der Finanzen des Landes NRW, Referat VI B 1 / Jägerhofstraße 6, 40479 Düsseldorf 
  • Bundesland Saarland
  • Bundesland Sachsen-Anhalt
  • Bundesland Schleswig-Holstein
  • Bund


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